Geschichtliches

Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des 2. Weltkriegs war für die Landbevölkerung die Kirchweih- oder Hochzeitsmusik eine der wenigen Lichtblicke in ihrem von harter körperlicher Arbeit geprägtem Leben. So war die örtliche Blaskapelle eine Institution. Bei Taufe, Kirchweih, Hochzeit oder Beerdigung geleitete sie die Menschen durch’s Leben. Bei diesen Anlässen spielten sie was die Leute kannten und hören wollten. Zum einen waren das alte, am Ort überlieferte Stücke, Zwiefache, Schottische, Landler und Volkstänze. Zum anderen spielten sie Märsche, Konzertwalzer, Rheinländer und Gassenhauer der damaligen Zeit. Letztere Stücke fanden über gedruckte Noten seit ca. 1850 den Weg von der großen Stadt aufs Land. Die vielen Militärmusiken waren dabei wichtige Ausgangspunkte. Dort lernten viele spätere Dorfmusikanten ihr Handwerk und brachten manche Stücke mit nach Hause. Wesentliche Merkmale dieser örtlichen Blaskapellen waren das frische und freie Spiel. Je nach Laune der Musikanten und im engen Kontakt mit dem Publikum klangen die Stücke jedes Mal unterschiedlich. Oft wurde von den Melodieinstrumenten ein Triller oder Schleifer dazugespielt, wobei Baß und Begleitung sowieso meist „aus dem Hut gespielt" wurden.
Seit ihrer Gründung im Jahr 1970 durch Dr. German Roßkopf (1935-1986), knüpfen die Tanngrindler Musikanten sowohl in ihrer Besetzung, Spielweise und gerade in ihrem Repertoire an die lokale Musiktradition im Hemauer Raum an.
Schon viele Jahre zurück liegt die Einladung durch den damaligen Leiter der Abteilung Volksmusik, Fritz Mayr, an die Tanngrindler Musikanten, beim Bayerischen Rundfunk Archivaufnahmen einzuspielen. Durch drei vorausgegangene CD-Aufnahmen waren allerdings bereits mehr als 70 Titel aus dem Spielgut der Tanngrindler Musikanten dokumentiert, und so dauerte es einige Zeit, bis wieder genügend passende Stücke heranreiften, die wir nun auf der aktuellen CD vorstellen können

In der aktuellen Besetzung der Tanngrindler Musikanten spielen Daniela Scheuerer (Es-/B-Klarinette), Hans Hierl (B-Klarinette), Robert Lang, Roland Seitz (Trompeten), Hans Huber, Hans Heigl (Basstrompeten), Eckhard Herda (Tuba) und Dr. Frieder Roßkopf (Tenorhorn). Unter dem engagierten und fachkundigen Aufnahmeleiter Martin Kern entstanden im Sommer 2003 eine Auswahl an im Hemauer Raum aufgezeichneten Stücken, sowie eine Reihe historischer Märsche und Salonmusiktitel. Joseph Binner: Landwirt, Maurer, Krauteinschneider und leidenschaftlicher Stadtkapellmeister (Hemau) im frühen 20ten Jahrhundert. Ohne ihn wären viele dieser Stücke in Vergessenheit geraten Dr. German Roßkopf (1935- 1986), Apotheker und Ortsheimatpfleger in Hemau, Gründer und Leiter der Tanngrindler Musikanten von 1970 - 1986. Michael Roßkopf: Forstbeamter, Leitung der Gruppe von 1987 - 1992

Zum Repertoire und zur Spielweise

In Hemau existierte in den 20er Jahren auch die Blaskapelle Dürre. Auch von dieser Kapelle liegt den Tanngrindlern eine Melodiestimme vor, aus der schon manche Stücke übernommen wurden. Zwischen den Weltkriegen sammelte der Hemauer Lehrer Otto Rammelmaier eine Vielzahl von Baierischen (Zwiefachen) und arrangierte sie für Klavier bzw. Zither. Seine Sammlung mit dem Titel „A`tonal“ wurde jedoch nie veröffentlicht. Er notierte die Melodien nicht immer in ihrer Grundform, sondern schrieb immer wieder Verzierungen, die er wohl von den Musikanten abgelauscht hat. Damit gibt er noch heute Hinweise auf die damalige Spielpraxis.

Von den Wirtshaus-Stücken der Binner-Kapelle findet sich nur die erste Stimme. Für die Tanngrindler haben Dr. German Roßkopf und Michael Roßkopf die Stücke in der klaren Musizierweise mit zweistimmiger Melodie, Baß und Begleitung sowie einem Tenorhorn, das zwischen Melodie und Gegenstimme wechselt, bearbeitet.
Im Gegensatz dazu gibt es von der Binner-Kapelle auch Marschbücher, die einen Querschnitt der damals gespielten Märsche zeigen. Viele davon gehören auch heute noch zum Standardrepertoire einer Blaskapelle. Oft gehen die Märsche auf die Militärmusikmeister aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Sie schrieben einfallsreiche, harmonisch interessante Stücke und brachten damit die musikalischen Ausdrucksformen ihrer Zeit unters breite Volk. Sie bestechen noch heute durch ihren vielschichtigen und dennoch transparenten Satz. Die Stücke von Joseph Rixner oder die Schatzerl-Polka sind dafür gute Beispiele. Da auch diese Musik vor rund 100 Jahren im ganzen süddeutschen Raum verbreitet war, haben die Tanngrindler aus alten Nachlässen und Archiven weitgehend in Vergessenheit geratene Stücke ausgegraben und in ihren alten Arrangementes eingerichtet; lediglich an manchen Stellen, die ursprünglich unisono geführt waren, wurde für das moderne Ohr eine zweite Stimme unterlegt.